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16. Februar 2007, Neue Zürcher Zeitung

Die Zukunft hat längst begonnen

Der Klimawandel in historischer Perspektive

Lässt sich der Klimawandel aufhalten? Die Frage erscheint dringlich – und dochrelativiert sie sich angesichts der Tatsache, dass das Erdklima fortwährend und übergrosse Zeitspannen hinweg Änderungen unterworfen ist. Nicht nur der Blick in die Vergangenheitder Erde legt es nahe, sich auf den kommenden Klimawandel vorsorglich einzustellen.Auch das Vorherrschen kurzfristiger Interessen in der Weltgesellschaft spricht dafür.

Von Josef H. Reichholf

Das Klima ändert sich. Das ist sicher. Der Mensch hat daran massgeblichen Anteil.Das ist sehr wahrscheinlich. Dass wir die Änderung aufhalten können werden, ist jedochhöchst unwahrscheinlich. Denn «wir», die Europäer, wir machen nicht einmal ein Zehntelder Weltbevölkerung aus. Was also ist zu tun? Diese Frage stellt sich angesichts desneuen Uno-Klimaberichts und der darin enthaltenen Prognosen erneut. Zeit zum Handelngibt es kaum; nur auf 10 bis 15 Jahre schätzt der deutsche Umweltminister den Handlungsspielraumnoch ein. Und daher fordert er sogleich eine Weltklimakonferenz. Tausende, Zehntausendewerden sich dazu wieder auf den Luftweg machen und wie bei den «Erd-Gipfeln» von Riound Johannesburg für eine drastische Verminderung des durch Mobilität verursachtenEnergieverbrauchs plädieren.

Verlierer – und Gewinner

Die aktivsten Klimaschützer waren und sind Vielflieger – was kein Vorwurf, sonderneine Feststellung sein soll. Darin drückt sich auch eines der Kernprobleme aus, diesich einem Gegensteuern stellen: Wer soll wo und warum auf welche Energieausgabenverzichten? Nur die Europäer und Japaner als Verbündete im Kyoto-Protokoll? Oder -endlich – auch die Amerikaner, diese Zauderer und Energieverschwender? Und was istmit China, Indien und Brasilien, den Motoren der Weltwirtschaft und Hauptverbrauchernfossiler Brennstoffe? Sie allein stellen zusammen fast die Hälfte der Menschheit.Der Klimaschutz ist keine Sonderaufgabe des «Westens», sondern ein Gesamtproblem derMenschheit. Bei allem, was Europa dagegen unternehmen wird, geht es stets darum, wiesich die restlichen vier Fünftel der Menschheit verhalten werden. Viele Staaten habengute Gründe, nichts gegen den Klimawandel zu unternehmen, entweder weil sie das auspolitischen und wirtschaftlichen Gründen gar nicht können – oder weil sie von derKlimaerwärmung profitieren werden. Denn es gibt nicht nur Verlierer, sondern auchGewinner. Solche, die dank wärmeren Wintern weniger heizen müssen.

Das Klima war nie wirklich stabil. Zu raschen Veränderungen kam es immer wieder. Fürdas letzte Jahrtausend sind das «mittelalterliche Klima-Optimum» und die «Kleine Eiszeit»historisch gut belegt. Zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert gab es die grösstenHochwasser- und Sturmkatastrophen und extrem kalte Winter. Aus dieser letzten Kaltzeitmit ihrem Höchststand der Gletscher ging unsere Zeit hervor. In den besonders strengenWintern des 16. und 17. Jahrhunderts drangen Wölfe aus dem Osten bis Zentralfrankreichvor. Die Fichte gewann als kältetoleranter Waldbaum weithin an Boden. In Bayern lösteBier den Wein ab und wurde «Nationalgetränk», weil es nun in fast allen Wintern genügendEis gab zur monatelangen Kühlung in den Eiskellern. Und so fort.

Die Geschichte ist voller Beispiele für gravierende Änderungen; nicht nur in Europa,sondern genauso in China und anderen Regionen der Erde. Afrika war im letzten Jahrtausendzumeist trockener als gegenwärtig. Lang anhaltende Dürrezeiten dominierten und liessendie Sahara entstehen. Erst das 20. Jahrhundert verlief dort überdurchschnittlichregenreich, das Jahrhundert unserer Klimaerwärmung. Worauf sind die gegenwärtigenVeränderungen also zu beziehen? Befand sich die Welt im 19. Jahrhundert im bestenaller Zustände? Wie kommen wir dazu, eine Erwärmung als negativ einzustufen? Was ist«Klima» überhaupt? Auf jeden Fall sind Durchschnittswerte aus 30 oder 50 Jahren fürdie Natur viel zu kurz angesetzt. Das Wettergeschehen folgt längerfristigen Trends.Diese erstrecken sich über mehrere Jahrhunderte.

Es liegt an unserer eigenen kurzen Lebenszeit, dass wir schon Veränderungen einigerJahrzehnte für wichtig halten. Die natürlichen Lebensspannen von Bäumen machen dasZehnfache von Menschenaltern aus. Seit der Wiederbewaldung nach der letzten Eiszeitvergingen, aneinandergereiht, nur etwa ein Dutzend Baumgenerationen. In einem einzigenJahr schwanken die Temperaturen aber zwischen sommerlichen Höchst- und winterlichenTiefstwerten insgesamt um 60 bis 70 Grad oder mehr, je nach Ort der Messung. Was besagtin diesem natürlichen Rahmen eine Mittelwertverschiebung von zwei Dritteln eines Celsiusgradesseit Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute? Bei so wenig merken wir zwangsläufigkaum etwas von der Erwärmung.

«Treibhausgase»

Direkte Messwerte von Temperaturen reichen nur ein oder zwei Jahrhunderte weit zurück.Für den allergrössten Teil des Globus können sie nur indirekt aus Messdaten ganz andererArt «herausgerechnet» werden, wie etwa aus dem Gehalt an Kohlendioxid in Eisbohrkernen.Dieser besagt jedoch offensichtlich nicht genug über das wirkliche Klima. Denn wenn,wie die Klimaforscher aus den Messdaten schliessen, der CO2-Gehalt der Erdatmosphäretatsächlich seit über einer Million Jahre nie so hoch gewesen sein soll wie in unsererZeit, dann kann das Kohlendioxid auch nicht der allein entscheidende Faktor für dieKlimaerwärmung sein. Es lebten nämlich in der letzten Warmzeit vor rund 120 000Jahren tropische Nilpferde in Rhein und Themse. Die Fossilien belegen dies.

Es reicht somit nicht aus, das Kohlendioxid allein als Mass zu verwenden und darausden Klimatrend hochzurechnen. Nur rein physikalische Vorgänge, wie das Schmelzen vonEis oder das Wachsen von Gletschern, hängen übrigens direkt von der Temperatur ab.Schon bei den Niederschlägen herrscht grosse Unsicherheit, weil die Vegetation, insbesonderedie Wälder, diese stark modifiziert und die wissenschaftliche Modellierung des Wasserdampfesin der Atmosphäre nach wie vor nicht gut klappt. Doch Wasserdampf ist das mit weitemAbstand wichtigste «Treibhausgas». Ohne ihn wäre die Erde bitter kalt und lebensfeindlich.Weiterhin fehlt in manchen Zukunftsszenarien das Treibhausgas Nummer drei, das Methan.Pro Molekül ist es in der Atmosphäre mehr als zwanzigmal wirkungsvoller als das CO2.Doch weil es hauptsächlich aus der Landwirtschaft und der Förderung von Erdgas stammt,müssten ganz andere Massnahmen als beim Kohlendioxid ergriffen werden.

Die Politik traut sich an die Landwirtschaft jedoch nicht heran. – Die verunsicherteBevölkerung lässt sich leichter hintergehen. Das hat man in Deutschland mit der sogenanntenEnergiesteuer vorgeführt. Dem Klimaschutz kam sie nicht zugute. Sie sollte die marodeFinanzlage des Bundes bessern, was aber auch nicht gelang. Die Auslagerung schmutzigerIndustrien verschlechterte zur selben Zeit sogar die globale Bilanz nachhaltig, weilnun andernorts, vor allem in China, unter viel geringeren Umweltauflagen produziertund das Erzeugte von dort mit zusätzlichem Energieaufwand zurück importiert wurdeund wird.

Vorsorgen

Die Chancen stehen daher schlecht für einen globalen Kraftakt gegen die weitere Klimaerwärmung.Er könnte zudem eher von den internen Schwierigkeiten europäischer Länder ablenken.Die einzige Möglichkeit, hier den Ausstoss von CO2 kurzfristig drastisch zu vermindern,böten der Ausstieg aus dem Atomausstieg und der sofortige Bau neuer Kernkraftwerke.Der deutsche Umweltminister, der sich für den Klimaschutz so stark macht, sperrt sichdagegen, während China diesen Weg geht. Brasilien setzt auf Sonne und Biomasse undbrennt weiter Tausende Quadratkilometer Tropenwald für Sojafelder und Rinderweidennieder. Indien wird sich von seinen 180 Millionen heiligen Kühen und deren Methanausstossebenso wenig trennen wie Afrika von den ruinösen Rinder- und Ziegenherden.

Allein die Brände in den Tropen und Subtropen verschleudern alljährlich mehr Energiegänzlich ungenutzt in die Atmosphäre, als etwa Deutschland insgesamt pro Jahr umsetzt.Wo liegen da die Spielräume für das Handeln? Der weitaus grösste Teil der Weltbevölkerungwird das Verhalten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht ändern.

Wärmeres Klima wird somit kommen. Wir müssen uns wappnen gegen Dürre und Hochwasser,Stürme, Lawinen und Schneekatastrophen. An den Küsten sollten die Deiche gegen denum bis zu einem halben Meter steigenden Meeresspiegel erhöht werden. Unser ertragreichesAckerland brauchen wir für Nahrungsmittel. Es sollte nicht länger mit staatlicherFörderung in Biomasseproduktionen umgewandelt werden. Fangen wir bei uns an! Je rascherwir Massnahmen zur Vorsorge ergreifen, desto besser wird unser Beispiel weltweit überzeugen.Die Investitionen lohnen ein solches Vorgehen auf jeden Fall. Sie bringen mehr Sicherheit- und schaffen Arbeitsplätze.

Josef H. Reichholf ist Professor für Zoologie an der Zoologischen Staatssammlung München.Im März erscheint sein Buch «Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends»im Frankfurter Verlag S. Fischer.

 
 
 

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